Herren I

Am Ende geht’s heiß her

Die SG Kempten-Kottern und der TV Waltenhofen trennen sich 24:24. Dabei schien das Bezirksoberliga-Derby Mitte der zweiten Halbzeit schon entschieden.

Von Stephan Schöttl (Allgäuer Zeitung) Kempten: Sie mag schon ein bisschen abgedroschen sein, die alte Sportlerweisheit von der eigenen Gesetzmäßigkeit der Derbys. Und trotzdem wird gerade in solchen prestigeträchtigen Duellen immer wieder die klassische Rollenverteilung streng nach Tabellenstand außer Kraft gesetzt. So war das auch beim Vergleich der beiden Nachbarvereine SG Kempten-Kottern und TV Waltenhofen in der Handball-Bezirksoberliga. Vor toller Kulisse erkämpfte sich der Aufsteiger aus der Umlandgemeinde mit leidenschaftlichem Einsatz beim 24:24 (11:11) gegen den ambitionierten Stadtverein einen wichtigen Zähler im Kampf um den Klassenerhalt. „Insgeheim rechnet man immer mit Überraschungen. Das ist für uns definitiv ein gewonnener Punkt“, sagte Waltenhofens Trainer Uli Kolb.

Die Gemütslagen nach der Partie hätten unterschiedlicher kaum sein können. Hier die Gäste, die ausgelassen tanzten und das Unentschieden mit ihren Fans feierten wie einen Auswärtssieg. Dort die Hausherren, die ratlos wirkten. Denn wieder einmal war es ihnen nicht gelungen, ihr durchaus vorhandenes spielerisches Potenzial in vollem Maße abzurufen. SG-Kapitän Timm Schwegler fand sogar recht deutliche Worte: „Es ist zurzeit wirklich ziemlich frustrierend. Auf diese Leistung dürfen wir nicht stolz sein.“ Schwegler klagt: „Wie ein zusammengewürfelter Haufen“.

Dabei wurden die Kemptener in der Anfangsphase ihrer Favoritenrolle gerecht. Sie spielten schnell, aggressiv und zielstrebig. 4:0 stand es nach fünf Minuten, Schwegler ging als vierfacher Torschütze mit gutem Beispiel voran. Doch dann schlichen sich Fehler ein, Waltenhofen kam Tor um Tor näher und wurde dadurch immer selbstbewusster. Beim 8:8 nach 20 Minuten war die Partie ausgeglichen, 11:11 hieß es zur Pause.

Nach dem Seitenwechsel folgte die stärkste Phase der Gäste. Vor allem ihr Torwart Maximilian Vetter lief zu Hochform auf, entschärfte einen Angriff nach dem anderen. „In dieser Phase hatten wir Kempten im Sack“, meinte Kolb. Bis auf 20:15 (45.) zog der TV Waltenhofen davon. Die SG Kempten-Kottern drohte auseinanderzufallen. Schwegler sagte: „Wir haben starke Phasen, keine Frage. Aber irgendwann spürt man, dass die anderen Mannschaften öfter miteinander trainieren und dadurch einfach eingespielter sind. Manchmal kommt’s einem fast so vor, als wären wir ein zusammengewürfelter Haufen, der sich nur zum Spiel trifft.“ In der Abwehr wurde nicht mehr konsequent genug zugepackt, vor allem auf den Außenpositionen entstanden große Lücken, die Waltenhofen geschickt nutzte. Doch das kostete enorm viel Kraft. „Um mithalten zu können, müssen wir ständig Vollgas geben. In der Schlussphase ist uns deshalb ein bisschen die Puste ausgegangen“, meinte TVW-Coach Kolb. Es lag aber nicht nur am Kräfteverschleiß der Gäste, dass die Kemptener doch noch einmal herankamen. Willensstark kämpften sie trotz des großen Rückstands und waren beim zwischenzeitlichen 21:21 (52.) plötzlich wieder auf Augenhöhe. Alles war bereitet für eine packende und hoch emotionale Schlussphase, in der sich der eine oder andere Akteur nur schwer im Griff hatte. Allein in den letzten vier Spielminuten kassierten beide Teams jeweils zwei Zwei-Minuten-Strafen – und alle waren eigentlich überflüssig, weil sie aus der Hektik des Spiels heraus entstanden. Waltenhofen legte stets vor, Kempten zog nach. In den letzten Sekunden hatten die Gäste beim Stand von 24:24 nochmals den Ball, doch der verdeckte Wurf aus dem Rückraum wurde von SG-Schlussmann Attila Aponyi pariert.

Es spielten: A. Wolf, Vetter (beide Tor); Kolb 7/4, Rienaecker 1, Knecht, Wilde 3, Wölbert, Gapinski 3, Kovac 3, Stadler 2, Hösle 4, P. Wolf 1, Rapps

Foto: Dirk Klos